BAHNDAMMBAU
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Der Eisenbahndamm über den Templiner See wurde ca. 1955-1958 errichtet.
Er war nötig um den Berliner Ring zu schließen und im Hinblick auf die spätere geschichtliche Entwicklung eine verkehrstechnische Vorraussetzung für den Mauerbau um Berlin..

Die Fotos sind Archivbilder der Deutschen Reichsbahn.

 

Aufspülen von Sand vom Seegrund                                               Pfahlrammen in Aktion
     


Die Brücke wird mit schwimmend transportiert                            Der fertige Eisenbahndamm
Bild-Datum 26.09.1956
     

 

 

Zeitungsartikel PNN 01.03.2006

Ein Bahndamm als Politikum

Die Eisenbahntrasse über den Templiner See wird in diesem Jahr 50 Jahre alt / Uwe Thurley war als Lehrling auf der Baustelle

Von Henry Klix und Josef Drabek

Schwielowsee / Potsdam - Das Loch im Berliner Außenring zwischen Saarmund und Golm hat die neue Partei- und Staatsführung mächtig gewurmt. Immer noch mussten Güter und Passagiere quer durch Westberlin gekarrt werden, um ihr Ziel in der DDR zu erreichen. Kurt Wunsch, Sonderbeauftragter des Ministers für Verkehrswesen, wurde losgeschickt, die Sache zu bereinigen. Seit 1950 wurde an der 15 Kilometer langen Strecke gebaut. Die Moorwiese bei Bergholz und das Golmer Luch bargen gemessen am 1,4 Kilometer langen Abschnitt über den Templiner See die kleineren Probleme.

Im Jahr 1955 wurde hier eine Baustelle mit für die junge Republik riesigen Ausmaßen geschaffen. Man meinte es sehr ernst mit dem Lückenschluss. Eine Alternative gab es nicht, doch der Bahndamm über den See sollte die Ingenieure vor Schwierigkeiten stellen: Unter dem 5 Meter tiefen Seespiegel folgte eine bis zu 48 Meter tiefe Schicht aus Schlamm – ein Wackelpudding, auf dem Brückenfundamente oder ein Bahndamm kaum eine Chance hatten. Verschiedenste Technologien mussten angewandt werden, um ein in Europa bislang einmaliges Baugrund-Problem zu lösen – und damit auch ein politisches Thema aus der Welt zu schaffen, die Abhängigkeit von Westberlin.

Uwe Thurley kann sich an die Baustelle gut erinnern: Der 69-jährige Caputher war als Lehrling der Kleinmachnower Wasserbauschule im Herbst 1955 für zwei Monate hier eingesetzt und recherchiert seit Jahren über das 50 Jahre alte Bauprojekt. Auch aus technischem Interesse: Thurley war 25 Jahre Lehrobermeister an der Wasserbauschule in Kleinmachnow.

Die Lehrlingswohnschiffe hätten damals vor dem Seekrug am Luftschiffhafen geankert. Hunderte Menschen seien auf und am Templiner See in zwei Schichten tätig gewesen, erinnert sich Thurley. Allein in der Reparaturwerkstatt waren 50 Leute beschäftigt. Am Schluss verstärkten noch Armeeangehörige der NVA die Bauarbeiter. Über 15 Baufahrzeuge gleichzeitig schaukelten auf dem Wasser. Mit einer Feldbahn wurde hinter dem Nesselgrund ein ganzer Berg abgetragen. Hörner kündigten Unterwassersprengungen an. Schlamm und Wasser wurden aufgewühlt und Schall und Vibrationen bis weit in die umliegenden Ortschaften hineingetragen.

Thurley hatte mit einem Lehrlingskollegen einen besonders attraktiven Job: Er bediente das Stellrad für die so genannten Bodenklappschuten. Die mit 60 bis 90 Tonnen Kies beladenen Kähne schütteten in der Mittelachse des künftigen Bahndamms Kies in den See. Dazu wurde der Schiffsboden mit einem speziellen Mechanismus aufgeklappt, Thurley drehte das Rad. „In drei Sekunden war der gesamte Kies weg und die Schute schaukelte wie verrückt.“

Zuvor wurde der Faulschlamm mit Sprengstoff regelrecht weich geklopft. Dies Kies-Linse im See konnte sich immer tiefer in den meterdicken Schlamm drücken, bis der Untergrund in etwa 50 Metern Tiefe endlich fest wurde. Die sich am Rande des Damms bildenden Schlamminseln wurden abgebaggert und in tieferen Havelbereichen vor dem Luftschiffhafen und vor dem Bahnhof Caputh / Geltow verklappt. Die Wassertiefe sank dort von 22 auf 8 Meter. Der Templiner See brauchte fünf Jahre, bevor sich der aufgewühlte Grund gesetzt hatte und hier wieder gefischt werden konnte.

Zwei Jahre war man auf der Baustelle tätig, satte 2,5 Millionen Kubikmeter Erde wurden in den See gekippt. Als der am Grund etwa 100 Meter breite Damm schließlich an der Wasserscheide sichtbar wurde, war der Einsatz der Bodenklappschuten nicht mehr möglich. Also spülte man von Lastschuten aus mit langen Rohren aufgeweichten Kies auf die Strecke und planierte ihn fest. „Wenn wir am nächsten Morgen wiederkamen, war der Damm allerdings oft wieder abgesackt und nichts mehr zu sehen“, so Thurley. Das Verfestigen war ein gewünschter Effekt. „Aber für die Bauleute ging es wieder von vorne los, bevor endlich der Bahndamm gebaut werden konnte.“

Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet: Karl Keil, Professor an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden, beschrieb es 1959 neben einer Reihe internationaler Bauwerke in seinem Buch „Geotechnik“, das zum Standardwerk der Ingenieurgeologie werden sollte. Viele technische Details sind hier beschrieben. Keil verweist aber auch auf die Gefahren, die die Bauleute auf sich nahmen. „Dieser Bau ist beispiellos ohne tödlichen Unfall und ohne irgendwelche gefährlichen Rutschungen vor der Inbetriebnahme ausgeführt worden.“ Uwe Thurley weiß noch, wie zum Beispiel Bodenklappschuten beim ungleichmäßigen Beladen umkippten. Am Ufer vor dem Forsthaus Templin waren Brückengerüste aufgestellt, von dort aus wurden die Feldbahn-Loren in die Schuten gekippt. „Wir mussten höllisch aufpassen.“ Was danebenging, ist bis heute sichtbar: Das Strandbad Templin ist aus demselben Sand, aus dem der Damm gebildet wurde.

Die Damm-Enden sind durch eine 140 Meter lange und 1 400 Tonnen schwere stählerne Bogenbrücke verbunden. Sie liegt auf Potsdamer Seite, weil dort der Untergrund besser war. In Senkkästen wurde unter Druckluft an den vier Brückenpfeilern gearbeitet. Die Brücke selbst wurde am Potsdamer Ufer vormontiert, bevor sie hydraulisch auf die Pfeiler gesetzt wurde. Am 29. September 1956 begann der fahrplanmäßige Zugverkehr. Ab 1957 fuhren Sonderzüge für Beschäftigte im Staatsapparat, ein Jahr später rollte der Schnellverkehr für alle.

Uwe Thurley hat sich so seine Gedanken über die Baustelle gemacht: Heute gibt es Planungen, eine zweite Überquerung über den Templiner See als Potsdamer Umgehungsstraße zu bauen. Wieder ist die Strecke ein Politikum, wenn auch auf kleinere Ebene: Die Straße stellt die Beziehung zwischen Potsdam und seine Umlandgemeinden auf die Probe. Neben dem Naturschutz und der Lärmentwicklung bestehe dabei ein drittes, bisher leichtfertig behandeltes Problem, meint Thurley, den Baugrund. „Der Templiner See ist mit Sicherheit die geotechnisch ungünstigste Lage im Potsdamer Umland.“ Thurley hält es für ausgeschlossen, dass hier eine Lösung für 20 Millionen Euro machbar ist.

 

 

 

PNN 15.03.2006

Im Joghurtbecher Schlamm geschaufelt
50 Jahre Templiner Bahndamm: Hinrich Byl arbeitete als Taucher auf der Großbaustelle der DDR

Schwielowsee / Potsdam - 50 Jahre alt wird der Bahndamm über den Templiner See am 29. September. Hinrich Byl war 19, als der Bau errichtet wurde. Der Potsdamer war in einem 16-köpfigen Tauchertrupp, der einen der beiden Brückenpfeiler einbaute, die die 140 Meter lange Bogenbrücke über den See tragen. Zur Geschichte des Baus (PNN, 1. März) fügt der Zeitzeuge ein Kapitel hinzu. „Wenn ich im Zug über den Damm fahre, denke ich immer: Das ist mein Pfeiler.“

Byl war auf der Großbaustelle, um sich „zu bewähren“. Etwa 1000 Menschen waren hier tätig – mangels Arbeitskräften auch eine ganze Anzahl aus dem kriminellen Milieu. „Die Verbrechensrate in Potsdam stieg und es gab ein großes Polizeiaufgebot in der Stadt“, erinnert sich Byl. Er selbst war auf die Baustelle gekommen, nachdem er bei der Kasernierten Volkspolizei entlassen worden war: Byl hatte versucht, bei einem Laboranten den angeblichen Libido-Hemmer „Hängolin“ im Kasernen-Essen nachweisen zu lassen.

Als beim Bahndamm-Schippen gefragt wurde, wer zu einer Taucherausbildung will, meldete sich Byl – der Lehrgang auf der Baustelle des Kraftwerks Vockerode verlangte alles ab. Danach wurde er beim Bau des Templiner Damms Brigadier des jungen Tauchtrupps. Der Auftrag hatte es in sich, auch wenn ohne Taucherausrüstung gearbeitet werden konnte: Das Team grub sich in einer Betonglocke durch eine 35 Meter dicke Schlammschicht, damit der „Pfeiler I“ festen Seegrund bekam.

Das Faulschlamm-Problem hatte die Bauleute schon beim Aufschütten des Bahndamms beschäftigt: Mit dem Projekt wurde ein in Europa bislang einmaliges Gründungsproblem gelöst. Aus Schuten wurde Kies in die Mittelachse des künftigen Damms gekippt. Um den „Schlammpudding“ darunter „weichzuklopfen“, wurden Eimerketten mit Sprengladungen in Bohrungen in den See eingelassen. Die kontrollierten Sprengungen führten zum Absenken der Kies-Linse, die schließlich festen Grund erreichte.

Bei den Brückenpfeilern wurde indes in der so genannten „Caisson–Bauweise“ gearbeitet, erinnert sich Byl. Die Betonglocke wurde wie ein Joghurtbecher über das Wasser auf den Schlammgrund gestülpt, durch den Unterdruck blieb es darin trocken. Während die Arbeiter unter dem Wasserspiegel den Schlamm wegschippten, wurde oben schrittweise der Brückenpfeiler aufgebaut. In der Pfeilermitte blieb ein Durchlass, aus dem Schlamm und Arbeiter hochbefördert wurden. Als der Grund erreicht war, wurden Glocke und Durchlass mit Beton ausgegossen.

Der Luftdruck machte den Bauleuten zu schaffen. „Ich bekam unten schlimme Zahnschmerzen und der Zahnarzt wollte es mir anfangs gar nicht glauben, bis er ein winziges Loch im Zahnhals entdeckte“, so Byl. In der Druckkammer wurde regelmäßig die Konstitution des Trupps kontrolliert, nicht jeder hielt es vier Stunden lang 30 Meter unter dem Seespiegel aus.

Byl erinnert sich noch an einen anderen Aspekt: Wichtigstes Ziel war damals, eine Umgehungsbahn um Westberlin zu bekommen, anfangs vor allem, damit Mitarbeiter im Staatsapparat nicht von Potsdam durch Westberlin zur Arbeit mussten. Sabotage auf der Baustelle sei ein Thema gewesen, sagt Byl. Mitarbeiter des Ministeriums des Innern überwachten die Anlage, so gut es ging.

Dennoch kam es vor, dass zum Beispiel Schrauben im Schiffsgetriebe auftauchten. Westdeutsche Vermesser sollen die Bauleute auch im Unklaren über die tatsächliche Tiefe der Schlammschicht gelassen haben. Zudem hielt sich auf der Baustelle das Gerücht, dass auch die Wahl der Strecke Sabotage war: Der Damm führt 1,4 Kilometer über die breiteste Stelle des Sees. Auf eine Einweihungs-Zugfahrt mit Prominenten wurde verzichtet – laut Byl aus Sicherheitsgründen.

Für den hemdsärmligen, jungen Mann sollte sich der Einsatz am Ende nicht nur finanziell ausgezahlt haben: Rund 1000 Mark bekamen die Taucher, ein stolzer Monatslohn. Und Byl durfte nach dem Einsatz ein Studium als Heimerzieher beginnen – er hatte sich bewährt.
Henry Klix