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Sonderdruck zum hundertjährigen Bestehen des Forsthauses Templin
Erschienen im „Wilhelmshorster Bote“
Forsthaus Templin anno 1834
Eine Jahrhundert-Erinnerung von Dr. Bernhard Hoest
Erst seit einigen Monaten steht an der Vorderfront des
ehemaligen Templiner Kavalierhauses in gotischen Buchstaben: „Forsthaus Templin
anno 1834“. Der Geschichtskenner von Potsdam und Umgebung wird aufmerksam, -
doch er weiß, es bedeutet nur: hundert Jahre Gaststätte, nicht hundert Jahre
Geschichte, denn diese ist älter. Welch ein Wechsel im Wandel der Zeiten hat
nicht dieses herrliche Fleckchen Erde, die kleine Wiesenhalbinsel der Havel,
erlebt, - von jener Zeit an, da zum ersten Mal ein Wendenmund den Namen
„Templin“ aussprach, bis zum heutigen Tage des Jahres 1934! Nur wenige von all
den vielen Hunderten und Tausenden, die alljährlich von ihrem Segel- oder
Motorboot, vom Überfahrtssteg oder von der Dampferhaltestelle aus den grünen
Strand der Halbinsel betreten, die von Potsdam her über den Nesselgrund weiter-,
von Caputh her an dem kleinen Försterhause vorübergehen, wissen es oder ahnen
auch nur, dass sie soeben Wilhelmshorster Boden betreten haben, einen Korridor,
der Potsdam von Caputh trennt, wie der Polnische Korridor Ost- und Westpreußen,
nur dass hier die freundnachbarlichen Beziehungen keine Einbuße erfahren haben.
Aber auch sonst ist hier wie dort: Wilhelmshorst hat auch einen Zugang zum Meere
erhalten, hat seine Bucht Templin, wie jenes Nachbarland sein Gdingen, erreicht
durch Havel und Elbe die Nordsee, wie jenes die Ostsee, und steht ebenfalls mit
allen Weltmeeren in Verbindung. Es ist nun einmal so. Wilhelmshorst liegt nicht
nur in der Nähe von Langerwisch, nicht nur zwischen den Stationen Rehbrücke und
Michendorf, nicht nur am Fuße der Ravensberge, sondern auch am Templiner See, an
der Havel.
Die Geschichte Templins hat der Markensteine viele, größere
und kleinere, von der grauen Vorzeit an, als der Name „Templin“ nur von Mund zu
Mund ging, bis zudem Tage, da dieser Name zuerst auf einer alten Landkarte
erschien und damit aus dem Dunkel an das Licht trat, wenn ach auf Jahrhunderte
hinaus nur als einbescheidenes Anhängsel des benachbarten Dorfes „Capputt“,
dessen zuerst anno 1317 in einer Urkunde des Markgrafen Waldemar gedacht
wird. Fortan blieb die kleine Landzunge mit der Caputher Domäne verbunden,
teilte deren Geschichte und deren Geschick, wurde adliger und fürstlicher
Besitz, bis jene in ein Potsdamer Amtsgut verwandelt , zu einem Vorwerk
umgeschaffen wurde – mit einer Ziegelei, die ihre Steine für den Bau des
Berliner Zeughauses lieferte. Doch endlich sollte der Templin seine eigene
Geschichte haben.
Das geschah anno 1748.
Zu dieser Zeit lebte in Potsdam, Französischestr. 21, ein unternehmender
Kaufmann, der Barchent- und Kanevasfabrikant Christoph Andreas Martini. Dieser
suchte und fand für seine Baumwoll- und Hanfgewebestoffe einen Bleichplatz an
der königlichen Heide bei Caputh, dicht an der Havel gelegen, machte eine
Eingabe an König Friedrich und erhielt die Verschreibung gegen einen Taler
Grundzins samt der Erlaubnis, darauf ein Häuschen zu erbauen, wozu ihm noch
Freiholz gewährt wurde. Im Laufe der nächsten zwanzig Jahre hatte der
unermüdliche
Mann sein kleines Anwesen bis zu elf Morgen vergrößert, noch ein Leinweberhaus
errichtet, sumpfige Oerter und Sprungstellen erhöht und auf der Anhöhe nach dem
Walde zu viele Nuss- und Maulbeerbäume gepflanzt. Zuletzt, im Jahre 1770, erbat
er sich auch noch „die Spitze Sandland“ bis zur Havel in der Größe von zwei
Morgen, um seinen Bleichplatz zu erweitern und sich mit der Mündung des
Springgrabens den Abfluss des Wassers zu sichern. Jetzt erst war die ganze
Halbinsel in seinem Besitz, aber fast schien es als sollte der Name „Templin“
vergessen werden, denn jedermann sprach nur von „Martinis Bleiche“, selbst dann
noch, als der Besitzer im Jahre 1780 das Bleichgütchen seinem Schwiegersohne,
dem Barchentmachermeister Johann Christoph Brandt, verkauft hatte. Doch bald
sollte der Name „Templin“ wieder zu Ehren kommen.
Das geschah anno 1796.
Der frühere französische Gesandte in Berlin, Comte de Moustier, war infolge der
großen Revolution Emigrant geworden, hatte aber, um in Preußen bleiben zu
können, die Verpflichtung übernommen, sich anzukaufen. Er, der Potsdam kannte,
wählte den benachbarten Templin. Der Fiskus hatte zwar das Vorkaufsrecht, machte
es aber nicht geltend, weil ihm der Preis von 4500 Talern zu hoch war, und
überließ das Luxusgütchen dem Franzosen. Doch der Herr Graf war nicht der rechte
Mann für den Templin; er erwarb wohl noch über neun Morgen Forstland hinzu, ließ
jedoch den Besitz verfallen, suchte bald wieder einen Käufer und fand ihn in der
Person des Kanonikus Arnold Diederich Tamm, wobei er 500 Taler vom Kaufgelde
einbüßte.
Das war anno 1798.
Dieser Domherr Tamm war für die Umbildung des Templins wie geschaffen. Er wollte
das Gut vergrößern und es zu einem Herrensitz ausbauen. Zunächst erwarb er noch
dreizehn Morgen Forstland, und da er ein eifriger Jagdfreund war, erhielt er auf
seinem Gut auch die hohe, mittlere und niedere Jagd in Erbpacht, wofür er
jährlich fünf Taler zu entrichten hatte. Der Vertrag zog aber dem Jägersmann
enge Schranken. „Ausgeschlossen waren Damwildbret, Auerhähne, wilde und zahme
Schwäne, Rehricken und bei Strafe von 10 Talern für das Stück, auch der
Rebhühnereinfang ohne Erlaubnis bei 5 Talern Strafe für das Stück. Ferner
durften Rehböcke nicht mit Windhunden, und Hasen nicht bei tiefem Schnee oder
auf dem Eise hetzen, auf Rot- und Schwarzwild nicht mit Röller oder Schrot statt
Kugeln schießen. Endlich musste er für jeden Taler Jagdkanon jährlich ein par
Raubvogelfänge abliefern oder statt jedes Paares 7 Sgr. 6 Pf. Strafe erlegen“.
Jagd und Gut vergrößerte er noch um zweiundzwanzig Morgen Forstland längs des
Nesselgrundes, um hier schnellwüchsige wilde Laubhölzer anzupflanzen. Nun hatte
er sein Gut auf sechzig Morgen abgerundet. Dessen Grenzen gingen um die
Landzunge längs der Havel, den Holweg des nach Langerwisch führenden
Nesselgrundes hinauf bis an den heute neu aufgeschütteten Caputher Weg, diesen
entlang bis zum Hohlweg beim Schießstande und dann im Bogen bergab bis in die
Nähe des Försterhauses. Doch der Herr Kanonikus war nicht nur Guts-, sondern
auch Bauherr, hatte sich ein Herrenhaus nebst dazugehörigen Gebäuden errichtet
und alles gutsherrlich ausgestaltet. Es verlohnt sich, ihm nach Jahr und Tag auf
seinem Besitz einen Besuch zu machen, allerdings an Hand eines alten Lageplanes.
Wir kommen auf dem Wege längs der Havel von Potsdam her,
gehen durch eine Allee junger Platanen, schreiten durch den Torweg mit
steinernen Pfeilern, wie solche auch drüben am Ausgang nach Caputh stehen,
passieren links das Wärterhäuschen und werfen einen Blick in den Park, der sich
am Nesselgrunde hinaufzieht und nach englischem Vorbilde angelegt ist. Gewundene
und gerade Wege führen durch den noch jungen, frischen Laubwald – bis hinüber zu
einem kleinen Weinberg. Doch wir folgen ihnen nicht unter den Kastanien- und
Pappelbäumen, unter Eschen und Ulmen, Buchen und Eichen. Unser Weg führt links
zur Halbinsel hinunter, an dem Badehäuschen vorüber, über die kleine Brücke des
Springquells zur grünen Wiese, der einstigen Martinischen Bleiche, von
Baumgruppen belebt, vom Springgraben durchzogen. Unfern steht ein größeres
Wohnhaus mit zwei Häuschen benachbart, wohl die ehemaligen Leinweberhäuschen,
weiter nach der Havel zu ein massives Treibhaus mit Glasfenstern, eine
Schirrkammer und eine hölzerne Bienenschauer. Der Schmuck der Halbinsel aber ist
drüben, wo heute das Försterhäuschen steht, - der große Obstgarten mit seinen
neunhundert Obstbäumen.
Doch nun gehen wir wieder durch eine schmale Platanenallee
allmählich aufwärts, kreuzen den Havelweg und steigen zur Terrasse empor. Da
erhebt sich vor uns das „Schlösschen oder Gesellschaftshaus, massiv gebaut, mit
einem Ziegeldach, wie es noch heute als Restaurationsgebäude dasteht, dessen
Türen und Fenster uns anmuten, als währen die von Sanssouci ihre Vorbilder
gewesen. Doch der Herr Kanonikus Tamm wohnt nicht darin; es ist nur das
Kavalierhaus, der Festsaal und die beiden Zimmer unten, die kleinen Gemächer
oben sollen nur seine Gäste aufnehmen und beherbergen. Er selbst hat sein Heim
jenseits der Lindenallee, auf dem so genannten „Wohnplatz“, lebt unter einem
Rohrdach, in dem lang gestreckten Hause mit dem anstoßenden Stallgebäude, wie
ein rechter Landmann, umgeben von Scheune, Remise, Schuppen und Ställen jeder
Art, vom Pferde- bis zum Hühnerstall, - und inmitten des Hofes steht auf freiem
Stiel das Taubenhaus. Hier ist alles Prosa, doch auf der Anhöhe hinter dem
Kavalierhause, dort ist Poesie, ja mehr als das, ist ein Ort kindlicher Pietät,
- dort erhebt sich das „Belvedere“, das Tempelchen, - ein Balkon, ruhend auf
sechs eingegrabenen Holzpfeilern, errichtet über einem Gedenkstein, den der
getreue Sohn dem längst verstorbenen Vater gesetzt hat. Auf granitenem Unterbau
steht der Sandsteinsockel, oben auf jeder Seite mit zwei Rosetten geziert, und
die palmettengeschmückte Deckplatte trägt inmitten eine Vase. Auf dem Sockel der
Vorderseite lesen wir:
Dem
Königl. Pr. Commercienrath
Johann August Tamm
geb. den 23ten Januar 1734
gest. den 28ten August 1798
und auf der Rückseite:
Denkmal
der kindlichen Liebe
und Dankbarkeit.
Wir blicken von dieser Kanzel um uns, auf die Umgebung.
Welch ein herrliches Landschaftsbild! Das noch niedrige Gehölz verbirgt dem Auge
nicht die Nähe, nicht die ferne, - nicht vor uns die liebliche Halbinsel mit
Wiese und Garten, nicht die breite Havel, noch weniger links die Krähenberge von
Caputh, den Schwielowsee nach Petzow und Werder hin, die Pirschheide gegenüber,
und dann nach rechts Potsdam, die idyllische Tornowhalbinsel vorgelagert, und
darüber die Kuppeln vom Neuen Palais, der Ruinenberg mit dem Belvedere, Schloss
Sanssouci, die Waisenhaus- und die Rathauskuppel, die beiden malerischen
Kirchtürme. Landschaftlich anziehender und anmutiger konnte kaum ein anderer
Ausblick sein als dieser – von dem Tempel des Herrn Tamm in Templin. –
Aber die unglücklichen Kriegsjahre 1806 und 1807, noch
mehr die Zeiten der Befreiungskriege brachten das Vermögendes Herrn Kanonikus in
Verfall, er konnte den Grundzins nicht mehr zahlen. Gläubiger legten Arrest auf
seinen Besitz, und der Hauptgläubiger, der Potsdamer Bankier Torchiana,
beantragt die Zwangsversteigerung. Am 14. Juni 1814 drängen sich Gläubiger und
Bieter in der Gerichtsstube zu Bornstedt. Schon war der Kaufmann Schulze aus
Potsdam der Meistbietende, da machte noch der Berliner Kaufmann Karl Ludwig
Krüger, auch ein Gläubiger, ein Nachgebot von 7000 Talern und erhielt im Januar
1815 den Zuschlag. Doch der neue Besitzer hielt das Gut nur, um es günstig zu
verkaufen.
Das gelang ihm auch anno 1819.
Der es für 7300 Taler kaufte, und unter dem noch einmal Templin eine kurze
Blütezeit erleben sollte, war der Generalleutnant von Bismarck, der Onkel des
ersten Kanzlers des Deutschen Reiches, des Fürsten Otto von Bismarck.
Der neue Gutsherr, Friedrich von Bismarck, war bereits in den Ruhestand getreten
und führte nun in Templin ein recht beschauliches Leben. Hier erhielt „Onkel
Fritz“, wie er im Bismarckschen Familienkreise hieß, häufig den Besuch seines
Neffen Otto, des damaligen Berliner Gymnasiasten, der ein tüchtiger Reiter war
und auf eigenem Pferde von Berlin nach Templin ritt. Schon frühzeitig wusste der
Neffe einen guten Tropfen zu schätzen; denn nach den Erzählungen der Templiner
Haushälterin hätte der Herr Generalleutnant immer einen ansehnlichen Weinvorrat
gehabt, und die erste Frage des jungen Bismarck sei gewesen, ob der Onkel eine
neue Sorte im Keller habe. Vor allem liebte Otto die Jagd, und mit Wohlgefallen
sah „Onkel Fritz“, wie die schlanke Jünglingsgestalt mit der Pirschflinte über
der Schulter Feld und Wald von Templin durchstreifte, und wenn der Neffe fern
von Berlin war, auf dem väterlichen Gut Kniephof bei Naugard in Pommern seine
Ferien verbrachte, dann vergaß er auch nicht, wie er am 25. Juli 1829 an seinen
Bruder Bernhard schrieb, an den Onkel in Templin einen Brief zu „fabrizieren“
und den Bruder noch besonders am Rande der ersten Seite eindringlich zu
ermahnen: „Besorge doch beiliegenden Brief von mir citissime an Onkeln!“ Wie
nachhaltig das Templiner Idyll in dem Gedächtnis des großen Bismarck fortlebte,
das bezeugt dieser selbst in seinen „Gedanken und Erinnerungen“. Als König
Friedrich Wilhelm IV. ihn im Jahre 1852 in besonderer Mission nach Wien
geschickt hatte und der hannöversche Gesandte Graf Platen ihn dort eines Tages
in vertraulichem Gespräch fragte, ob der König beabsichtige, ihn einmal zum
Ministerpräsidenten zu ernennen, bestätigte dies Bismarck, fügte jedoch hinzu:
„Mein Wunsch wäre, noch etwa zehn Jahre lang in Frankfurt oder an verschiedenen
Höfen die Welt zu sehen und dann gern etwa zehn Jahre lang, womöglich mit Ruhm,
Minister zu sein, dann auf dem Lande über das erlebte nachzudenken und wie mein
alte Onkel in Templin bei Potsdam Obstbäume zu pfropfen“.
Doch „Onkel Fritz“ starb, als der Neffe erst sechzehn Jahre alt war, im Jahre
1831. Gesetzliche Erben des Generalleutnants gab es nur noch ihrer zwei, einen
Bruder, den Rittmeister Ferdinand von Bismarck, des Kanzlers Vater, und einen
Neffen, den Oberstleutnant Theodor von Bismarck, der die letzte Gräfin von
Bohlen geheiratet hatte und fortan den Titel und Namen eines Grafen von
Bismarck-Bohlen führte. Diese beiden Erben verkauften Templin bereits im
folgenden Jahre für 6000 Taler an den Partikulier Ferdinand Schulenburg, dieser
das Gut wiederum für 7900 Taler an den Kaufmann Eduard Reinhardt.
Das geschah anno 1834, -
Und Reinhardt war es, der in dem Kavalierhause eine „Tabagie“ einrichtete und
damit auf dem Wege zwischen Potsdam und Caputh eine neue Gaststätte gründete,
die heute als „Forsthaus Templin anno 1834“ eine Jahrhundert-Erinnerung lebendig
macht.
Die „Tabagie“ sah nur selten Gäste und brachte so wenig ein, dass Herr
Reinhardt, ihr Besitzer, mit der Zinszahlung im Rückstande blieb und die
Regierung selbst sich genötigt sah, die Zwangsversteigerung zu beantragen. Nun
erwarb Frau Reinhardt, geb. Reising, das Gut für 5550 Taler; doch auch die Frau
Wirtin als Besitzerin übte keine größere Anziehungskraft aus, - dazu kam, dass
in einer Mainacht des folgenden Jahres die beiden Leinweberhäuschen der alten
Martinischen Bleiche abbrannten. So fasste sie den Entschluss, zunächst die
Gastwirtschaft an einen Potsdamer Eisenbahninspektor zu verpachten, der aber
bald darauf, am 1. Oktober anno 1841, seine Rechte an einen Landwirt
abtrat, an den Amtmann Haupt. Als aber auch Frau Reinhardt den Grundzins nicht
mehr zahlen konnte, verkaufte sie das Gut an eine Berlinerin, an die geschiedene
Frau Baronin Malwine von Wolf, geb. Stülpnagel, die 500 Taler anzahlte. Doch die
Regierung gab dazu nicht ihre Einwilligung, machte von ihrem Vorkaufsrecht
gebrauch, zahlte der Frau Baronin die 500 Taler zurück und kaufte anno 1842
selbst Templin.
Sie hatte ihre guten Gründe. Seit dem Tode des Generalleutnants von Bismarck
fehlte dem Gute eintüchtiger Landwirt. Noch stand das Schlösschen wie einst,
doch die übrigen Gebäude waren baufällig, die Nachbarschaft des Waldes war dem
Acker nicht günstig, landwirtschaftlicher Ertrag kaum noch zu erwarten, ein
kaufkräftiger Liebhaber des Gutes nicht in Aussicht, - es blieb also nur noch
die Einnahme durch die Gastwirtschaft. Dazu kam der Wunsch, dem Gute wieder das
Jagdrecht zu nehmen, um den Wildbestand des königlichen Waldes zu schützen, und
zur Pflege der Forst selbst einen Förster von Caputh nach Templin zu versetzen.
All das geschah denn auch. Die Regierung hob das Jagdrecht auf, verkleinerte das
Gutsland bis auf etwa 49 Morgen, setzte die Pacht zwar auf die Hälfte herab,
verpflichtete aber den Pächter Haupt, dem Förster eine Wohnung zu geben und
einzuwilligen, falls seine Majestät der König etwa die höher gelegenen
Grundstücke beanspruchte, um dort besondere Anlagen zu schaffen. Es war nämlich
ruchbar geworden, dass König Friedrich Wilhelm IV. die Absicht hatte, sich in
Templin anzukaufen, dort stielvolle Bauten auszuführen und die steilen Waldufer
zu hängenden Gärten umzugestalten. Man wusste, dass er ein Freund
landschaftlicher Schönheit war, besonders den Havelweg liebte, auch schon dem
Hofgartendirektor Lenné und dem Hofbaurat Persius den Auftrag gegeben hatte,
gemeinsam mit dem Oberforstmeister das Gut zu besichtigen und ihm Pläne zu
unterbreiten.
Templin sah, so schien es, einer glänzenden Zukunft entgegen; denn schon
verbreitete sich die Kunde, auf dem Berge solle ein Florentiner Landhaus
erstehen. Doch es entstand noch immer nichts, und nach Jahr und Tag verstummten
auch die Gerüchte.
Indessen hatte der Amtmann Haupt als Land- und Gastwirt seine liebe Not. Er galt
als tüchtig und betriebsam, verbesserte auch die moorigen Wiesen durch
Aufschüttung; aber der verwahrloste Zustand des Gutes zehrte an seinen Mitteln,
und er musste bessern, denn auch der König hatte sich schon bei der Durchfahrt
über die zerbrochenen Scheiben des Treibhauses ungnädig geäußert. Die Obstbäume
verwilderten, Missernten und Wildschäden brachten den Pächter vollends zurück.
Man drohte ihm der rückständigen Pacht wegen mit Erekution, erließ ihm jedoch
schließlich die Schuldsumme. Aber auch das half nicht viel; denn er klagte
zugleich über den „bekannten überaus schlechten Erwerb“ aus der Gastwirtschaft.
Die Sommermonate brachten an Sonntagen leidlich Besuch, in der Woche blieb er
aus. Nicht umsonst schrieb Philipp Galen, der damals berühmte, heute vergessene
Schriftsteller, der sein Potsdam liebte, aber auch seine Potsdamer kannte, in
der Einleitung zu seinem biographischen Roman „Walther Lund“: „Wir gewahrten an
den meisten Orten dieser unaussprechlich schönen Landschaft fast zu jeder Zeit
eine Menschenöde, die ebenso seltsam wie rätselhaft erschien… Von 40000 Menschen
die in der Königsstadt leben, begegneten wir selten einem einsamen Wanderer, wo
Raum und Genuss für Tausende war.“
Neue Hoffnung auf besseren Erwerb erwachte. Ein Dampfschiff fuhr jetzt im Sommer
von Potsdam nach Templin, freilich erst versuchsweise, nur einmal in der Woche
und nur bei gutem Wetter. Der Versuch wurde auch bald wieder aufgegeben. Dazu
kam eine zweite Feuersbrunst.
Anno 1846, am 5. November, brannte das ehemalige
Tammsche Wohnhaus samt dem benachbarten Stallgebäude nieder, nur Scheune und
Backhaus blieben stehen. Nichts hatte des Rohrdaches wegen versichert werden
können. Der Pächter büßte dabei Vieh und Mobiliar im Werte von 300 Talern ein.
Doch dieses Unglück war Ursache, das des Königs Pläne wieder lebendig wurden.
Ein Anbau an das Schlösschen wurde geplant, nach der Seite des Nesselgrundes zu,
- im Stil eines bayrischen Gebirgshauses, und ein kleines im gleichen Stil
sollte auf der Halbinsel als Försterhaus entstehen, und in der Tat, dieses wurde
gebaut, doch nicht jenes am Kavalierhause, - der König änderte seinen Plan; das
„Bayrische Häuschen“ erstand im nächsten Jahre nicht in Templin, sondern auf der
Anhöhe des Wildparks und wurde ein Lieblingssitz der Königin Elisabeth, einer
bayrischen Prinzessin. Aber nicht nur das schmucke Försterhaus sollte fortan
eine Erinnerung an König Friedrich Wilhelm IV. sein, sondern auch die Einfassung
der Springquelle in Templin, und die gotische Wand für die Quelle zwischen
Templin und Caputh, eine Nachahmung des Grabes der heiligen Jungfrau, noch heute
als „heiliges Grab“ bekannt und besucht.
Auch das abgebrannte Gehöft wollte der König wieder neu
aufbauen, künstlerischer als es gewesen, genehmigte auch den Entwurf des Geh.
Oberbaurats Stüler, verschob aber die Ausführung auf bessere Zeiten, bis er im
Revolutionsjahr, im Sommer anno 1848, auch diesen Plan für immer aufgab.
Noch einmal durfte der Pächter auf eine Belebung seiner Templiner Gaststätte
hoffen: im folgenden Jahre wurde der Havelweg zur Chaussee ausgebaut, eine
Notstandsarbeit, die den Not leidenden Webern von Nowawes Beschäftigung gab, und
die neue Caputher Fähre ließ größeren Verkehr erwarten, - dazu kam, dass bei
Erneuerung der Pacht der Zins auf die Hälfte herabgesetzt, das zum Kavalierhause
gehörige Land bis auf ein Drittel des Tammschen Gutes verkleinert, der
hochgelegene Acker aufgeforstet und die Gesamtaufsicht der Forstverwaltung
übertragen würde. – Doch es sollten noch Jahrzehnte vergehen, ehe sich der
Betrieb der Gaststätte hob und Neues erstand, während Altes zugrunde ging.
Und heute, anno 1934?
An einem heiteren Maientage hält der Sterndampfer „Leopold von Ranke“ an dem
Anlegesteg „Forsthaus Templin“. Wir steigen aus, schreiten nahe der anmutig
gelegenen Strandhalle zum „Rosenhügel“ hinauf und treten unter die hohe Rüster,
die von zwei Pappeln flankiert ist. Welch herrliches landschaftliches Bild – in
großen Zügen das gleiche wie zur Zeit des seligen Tamm, und doch ein anderes!
Die seenartige Havel ist nicht wie einst nur ein glatter, ungetrübter Spiegel,
sondern belebt von zahlreichen Booten aller Art, nicht wenige mit hellen,
windgeschwellten Segeln, von Dampfern mit ihren dunklen Rauchfahnen. Die
Tornowhalbinsel, einst so idyllisch ins Grüne gebettet, ist hier und dort mit
roten Backsteinhäusern bedeckt, - Hermannswerder ist es mit der hochragenden
Kirche. Und darüber – Potsdam mit seinen Türmen und Kuppeln, fast das gleiche
alte Bild, nur das dort drüben zwei Hügel von Doppeltürmen gekrönt sind, der
Pfingstberg und die Orangerie, oder eine neue Kirche ihren Turm aufreckt, wie
die Erlöserkirche ihre nadelartige Spitze. Auch das früher stetig grüne
Havelufer bietet heute ein anderes Bild mit dem Badestrand, den Spielplätzen,
seinem blumengeschmückten Regattahause, sonst aber, nach Caputh zu, ist es noch
immer das alte vertraute Bild, nur das jene lang gestreckte bewaldete Anhöhe am
Horizont nicht mehr als Pirschheide bekannt ist, sondern „Wildpark“ genannt
wird, seitdem sie das „Bayerische Häuschen“ trägt. Es erinnert uns wieder an das
kleine Försterhaus – dort steht es, wo einst der Obstgarten gewesen, der jetzt
zu einer Wildnis geworden. Der Weg führt uns zwischen grünen Wiesen, der
ehemaligen Martinischen Bleiche, zu der schmalen Allee, die, von neun gewaltigen
Platanen gebildet, uns zu ihren nicht minder aufragenden Schwestern führt, die
den einstigen Havelweg säumen. Die hohe Lindenallee nimmt uns auf. Noch immer
trennt sie den Wirtschaftshof mit Stall und Scheune von dem alten Kavalierhause
mit seinen zwei schmucken Anbauten, mit seiner Terrasse, belebt von zahlreichen
Gästen, die unter einer gewaltigen Linde aus Tammscher Zeit, einer
gleichaltrigen Akazie und Tanne sich an der herrlichen Umgebung erfreuen.
Wir treten in das alte Kavalierhaus ein, sind im
ehemaligen Festsaal, der uns anmutet gleich einem zoologischen Museum: die
Tierwelt der Havelgegend umgibt uns. Dort neben lustigen englischen Bildern,
Lithographien aus dem vorigen Jahrhundert, hängt ein vergilbtes Blatt unter Glas
und Rahmen. Wir lesen: „Forsthaus Templin Von Amtsgerichtsrat Haeckel.“ Es ist
ein Ausschnitt aus der Potsdamer Tageszeitung, eine kurze Geschichte Templins,
verfasst von Julius Haeckel, dem ausgezeichneten Potsdamer Geschichtsforscher.
In den drei Zimmern neben dem Festsaal ist noch einiges geblieben, was einstigen
Besitzern gehörte, uns an sie erinnert, Kupferstiche, Kunstwerke ihrer Art. Dort
ein Bild, offenbar aus dem Nachlass des Tomte de Moustier zurückgeblieben, der
englische König Henri VII., der erste Tudor, dessen Vater noch gekrönter König
von Frankreich, dessen Mutter eine Margarete von Anjou war; dort jene Bilder
mögen noch die Wände der Tammschen Zimmer geschmückt haben: Eberhard von
Danckelmann, Minister des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., Friedrich
der Große und rechts und links davon zwei Schlachtenbilder, Schwerins Tod in der
Schlacht bei Prag, und Sendlitz in der Schlacht bei Rossbach, die beiden letzten
gestochen 1790, 1799 von Daniel Berger, dem berühmten Rektor der Akademie der
Künste zu Berlin.
Des Herrn Kononikus Tamm gedenken wir noch einmal. Wir
steigen hinter dem Kavalierhause zur Anhöhe hinauf, - das Tempelchen ist
verschwunden, aber der Denkstein, den er dem Vater gesetzt, steht noch immer –
nicht unberührt vom Zahn der Zeit, auch nicht von Bubenhänden: der granitne
Sockel ist zerbröckelt, von den Rosetten sind nur noch Spuren sichtbar, die Vase
ist herabgestürzt, verschwunden. Dieses Denkmal zu erhalten, wäre Pflicht und
Gebot für alle, die es angeht, nicht nur um seiner selbst willen, sondern auch
der Inschrift halber, damit sie noch kommenden Geschlechtern verkünden kann,
dass hier ein braver Sohn seinem Vater gesetzt habe ein
„Denkmal der
kindlichen Liebe und Dankbarkeit“.
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